Wenn das Wollen allein noch keine Veränderung bewirkt
Veränderung scheitert nicht nur an offenem Widerstand. Manchmal stimmen Führungskräfte und Mitarbeitende den Zielen zu, beteiligen sich an Workshops und setzen vereinbarte Maßnahmen um. Der Wille zur Veränderung ist da und trotzdem bleibt die erhoffte Wirkung aus.
Gerade Führungskräfte stoßen Veränderungen häufig selbst an. Dabei wird leicht übersehen, dass sie nicht nur Auftraggeber oder Begleiter der Veränderung sind, sondern selbst Teil davon. Wer mehr Eigenverantwortung, Zusammenarbeit oder neue Entscheidungswege ermöglichen möchte, muss deshalb auch das eigene Führungsverhalten, bestehende Verantwortlichkeiten und gewohnte Entscheidungswege hinterfragen.
Bleibt dieser Teil aus, entstehen schnell Widersprüche zwischen dem, was sich verändern soll, und dem, was im Alltag weiterhin gelebt wird. Dadurch kehrt die Organisation nach einiger Zeit zu vertrauten Mustern zurück, obwohl die Beteiligten die Veränderung grundsätzlich wollen.
Veränderung ist mehr als Zustimmung
Wenn Veränderungsprozesse ins Stocken geraten, wird häufig nach Widerständen gesucht. Wer trägt die Veränderung nicht mit? Wo fehlt Akzeptanz? Welche Mitarbeitenden müssen noch überzeugt werden?
Diese Fragen können berechtigt sein. Sie greifen jedoch zu kurz, wenn die Bereitschaft zur Veränderung grundsätzlich vorhanden ist. Denn zwischen einer Veränderung zuzustimmen und selbst Teil dieser Veränderung zu werden, besteht ein entscheidender Unterschied.
Das betrifft Mitarbeitende ebenso wie Führungskräfte. Besonders bei Veränderungen, die von Führungskräften selbst angestoßen werden, entsteht leicht eine unsichtbare Trennung: Die Organisation oder das Team soll sich verändern, während die eigene Rolle zunächst unverändert bleibt. Doch wenn sich Zusammenarbeit, Verantwortung oder Entscheidungswege verändern sollen, verändert sich zwangsläufig auch Führung.
Eine Führungskraft kann mehr Eigenverantwortung im Team wünschen und Entscheidungen dennoch selbst treffen. Mitarbeitende können bereichsübergreifende Zusammenarbeit befürworten und gleichzeitig ihre eigenen Ziele priorisieren. Ein Unternehmen kann Fehler als Lernchance verstehen wollen und weiterhin Systeme nutzen, in denen Fehler vor allem negative Konsequenzen haben.
Die Beteiligten können die Veränderung also durchaus wollen und sie gleichzeitig durch vertraute Verhaltensweisen und bestehende Rahmenbedingungen unbewusst begrenzen. Zwischen dem Wunsch nach Veränderung und tatsächlichem Verhalten liegt die Organisation mit ihren Strukturen, Regeln, Rollen und eingeübten Routinen.

Alte Muster haben häufig einen guten Grund
Verhaltensweisen in Organisationen entstehen selten zufällig. Viele haben sich entwickelt, weil sie in der Vergangenheit funktioniert haben.
Eine zusätzliche Freigabe kann beispielsweise entstanden sein, nachdem eine falsche Entscheidung hohe Kosten verursacht hat. Ein ausführliches Reporting wurde vielleicht eingeführt, weil wichtige Informationen fehlten. Eine Führungskraft entscheidet möglicherweise vieles selbst, weil sie über Jahre gelernt hat, dass sie am Ende persönlich für die Ergebnisse verantwortlich gemacht wird.
Solche Muster verschwinden nicht automatisch, nur weil eine Organisation neue Ziele formuliert.
Wer sie verändern möchte, sollte deshalb zunächst verstehen, welche Funktion sie erfüllen. Erst dann lässt sich beurteilen, ob diese Funktion heute noch notwendig ist und wie sie künftig anders erfüllt werden könnte.
Wenn neue Erwartungen auf alte Strukturen treffen
Besonders deutlich wird das bei Veränderungen, die mehr Selbstorganisation, Zusammenarbeit oder Eigenverantwortung ermöglichen sollen.
Ein Team soll beispielsweise schneller entscheiden können. Gleichzeitig bleiben Budgetfreigaben, Zielvereinbarungen und Verantwortlichkeiten unverändert. Formal erhält das Team mehr Freiheit. Praktisch stößt diese Freiheit jedoch schnell an bestehende Grenzen.
Ähnliches geschieht bei bereichsübergreifender Zusammenarbeit. Solange Ziele und Leistungskennzahlen ausschließlich einzelne Bereiche bewerten, bleibt es für Mitarbeitende rational, zunächst den eigenen Bereich zu optimieren.
Die Beteiligten handeln dann nicht gegen die Veränderung. Sie reagieren auf die weiterhin bestehenden Rahmenbedingungen.
Warum Workshops allein selten reichen
Workshops können wichtige Räume für Veränderung schaffen. Menschen entwickeln gemeinsame Vorstellungen, reflektieren bestehende Arbeitsweisen und vereinbaren neue Formen der Zusammenarbeit.
Problematisch wird es, wenn der Workshop selbst bereits als Veränderung verstanden wird.
Nach zwei intensiven Tagen kehren die Beteiligten in ihren Arbeitsalltag zurück. Dort warten dieselben Termine, Entscheidungswege, Zielsysteme und Verantwortlichkeiten wie zuvor. Unter Zeitdruck greifen Menschen verständlicherweise auf Routinen zurück, die ihnen vertraut sind und innerhalb der bestehenden Organisation funktionieren.
Das bedeutet nicht, dass der Workshop wirkungslos war. Er kann Orientierung schaffen und Entwicklung anstoßen. Nachhaltig wird daraus jedoch erst dann Veränderung, wenn neue Verhaltensweisen auch im Alltag erprobt, reflektiert und weiterentwickelt werden können.
Veränderung konkurriert mit dem Tagesgeschäft
Eine weitere Herausforderung liegt darin, dass Transformation selten außerhalb des normalen Betriebs stattfindet.
Kunden müssen weiterhin betreut, Projekte abgeschlossen, Mitarbeitende geführt und wirtschaftliche Ziele erreicht werden. Gleichzeitig sollen neue Prozesse entwickelt, Rollen verändert und Formen der Zusammenarbeit erprobt werden.
Damit konkurriert Veränderung um eine Ressource, die in vielen Organisationen ohnehin knapp ist: Aufmerksamkeit.
Wenn das Tagesgeschäft regelmäßig Vorrang erhält, wird Veränderung zur zusätzlichen Aufgabe. Sie findet statt, solange genügend Zeit vorhanden ist. Steigt der Druck, gewinnen vertraute Routinen wieder an Bedeutung.
Erste Erfolge sind noch keine neue Normalität
Viele Veränderungen beginnen durchaus erfolgreich. Ein neues Meetingformat funktioniert. Teams treffen erste Entscheidungen selbstständig. Informationen werden transparenter geteilt oder Führungskräfte geben Verantwortung bewusster ab.
Solche Fortschritte sind wichtig. Sie zeigen, dass andere Arbeitsweisen möglich sind.
Doch neue Verhaltensweisen sind zunächst weniger stabil als Routinen, die über Jahre entstanden sind. Sobald Unsicherheit, Zeitdruck oder Konflikte auftreten, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen auf Bekanntes zurückgreifen.
Nachhaltige Veränderung entsteht deshalb nicht mit der ersten erfolgreichen Umsetzung. Sie entsteht durch Wiederholung, Erfahrung und kontinuierliche Reflexion.

Die Organisation muss mitlernen
Veränderung betrifft deshalb nicht nur einzelne Menschen oder Teams. Auch die Organisation selbst muss lernen.
Wenn Teams mehr Verantwortung übernehmen sollen, müssen Entscheidungsräume tatsächlich vorhanden sein. Wenn Zusammenarbeit wichtiger werden soll, sollten Zielsysteme Kooperation nicht gleichzeitig erschweren. Wenn Lernen aus Fehlern gewünscht ist, braucht es einen Umgang mit Fehlern, der Offenheit nicht bestraft.
Dabei geht es nicht darum, sämtliche Strukturen abzuschaffen. Organisationen brauchen Orientierung, Verantwortlichkeiten und verlässliche Prozesse.
Entscheidend ist vielmehr die Frage, ob diese Strukturen das gewünschte Verhalten unterstützen oder ungewollt das alte stabilisieren.
Veränderung braucht Beobachtung und Anpassung
Transformationsprozesse lassen sich deshalb nur begrenzt vollständig vorausplanen. Viele Auswirkungen werden erst sichtbar, wenn neue Arbeitsweisen tatsächlich ausprobiert werden.
Was funktioniert? Wo entstehen neue Schwierigkeiten? Welche Annahmen haben sich bestätigt? Welche Rahmenbedingungen verhindern weiterhin das gewünschte Verhalten?
Solche Fragen machen Veränderung zu einem kontinuierlichen Lernprozess. Maßnahmen werden nicht nur umgesetzt, sondern hinsichtlich ihrer Wirkung beobachtet und bei Bedarf angepasst.
Damit verschiebt sich auch der Blick auf den Erfolg einer Transformation. Entscheidend ist nicht allein, ob geplante Maßnahmen durchgeführt wurden. Entscheidend ist, ob sich dadurch im Alltag tatsächlich etwas verändert.
Wenn Mitmachen erst der Anfang ist
Die Bereitschaft von Menschen ist eine wichtige Voraussetzung für Veränderung. Ohne sie wird Entwicklung schwierig. Sie allein reicht jedoch nicht aus.
Organisationen bestehen aus gewachsenen Strukturen, Routinen, Verantwortlichkeiten und Erwartungen. Diese beeinflussen Verhalten auch dann, wenn Menschen längst von einer neuen Richtung überzeugt sind.
Deshalb lohnt es sich, bei stockenden Veränderungen nicht vorschnell nach mangelnder Motivation oder Widerstand zu suchen. Oft ist die interessantere Frage, welche Bedingungen innerhalb der Organisation das bisherige Verhalten weiterhin sinnvoll erscheinen lassen.
Nachhaltige Transformation verbindet deshalb die Entwicklung von Menschen mit der Entwicklung ihrer Arbeitsbedingungen. Neue Erfahrungen müssen möglich werden, ihre Wirkung muss beobachtet werden und erfolgreiche Veränderungen brauchen Zeit, um zur neuen Normalität zu werden.
Wenn alle mitmachen und sich trotzdem wenig verändert, liegt das Problem möglicherweise nicht bei den Menschen. Vielleicht arbeitet die Organisation selbst noch nach den Regeln der Vergangenheit.
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