Alles wissen oder Orientierung geben?
Von Führungskräften wird viel erwartet. Sie sollen Orientierung geben, Entscheidungen treffen, Probleme lösen und auch in unsicheren Situationen handlungsfähig bleiben. Schnell entsteht daraus die Vorstellung, gute Führung müsse auf möglichst viele Fragen die richtige Antwort kennen.
In einer komplexen Arbeitswelt stößt dieser Anspruch jedoch an Grenzen. Wissen ist über Organisationen verteilt, Zusammenhänge verändern sich und die Folgen einer Entscheidung lassen sich nicht immer zuverlässig vorhersehen. Niemand kann unter diesen Bedingungen sämtliche relevanten Informationen überblicken.
Gute Führung verliert dadurch nicht an Bedeutung. Im Gegenteil. Entscheidend wird weniger, alle Antworten selbst zu kennen, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen gemeinsam gute Antworten entstehen können.
Warum wir von Führung Antworten erwarten
Die Erwartung, dass Führungskräfte Antworten liefern, hat eine lange Tradition. Hierarchische Organisationen beruhen häufig auf einer klaren Vorstellung: Oben wird entschieden, unten wird umgesetzt.
Dieses Prinzip kann sinnvoll sein, wenn Aufgaben überschaubar sind, Wissen zentral verfügbar ist und sich Ursache und Wirkung relativ zuverlässig einschätzen lassen. Führung bündelt Informationen, trifft Entscheidungen und gibt eine Richtung vor.
Mit einer Führungsposition verbindet sich deshalb bis heute häufig die Erwartung besonderer Sicherheit. Wer Verantwortung trägt, soll wissen, was zu tun ist. Problematisch wird diese Vorstellung dort, wo die Situation selbst keine eindeutige Antwort zulässt.
Komplexität verändert die Voraussetzungen von Führung
Viele Entscheidungen in Organisationen entstehen heute unter Bedingungen, in denen Informationen unvollständig sind und Entwicklungen voneinander abhängen. Kundenbedürfnisse verändern sich, Technologien entwickeln sich weiter, Märkte reagieren und Entscheidungen lösen manchmal Folgen aus, die vorher kaum erkennbar waren.
Mehr Analyse beseitigt diese Unsicherheit nicht zwangsläufig. Manche Zusammenhänge lassen sich erst verstehen, nachdem etwas ausprobiert wurde und die Organisation beobachten kann, was tatsächlich geschieht. Damit verändert sich eine wesentliche Voraussetzung klassischer Führung. Die Person mit der größten formalen Verantwortung verfügt nicht automatisch über das Wissen, das für eine konkrete Entscheidung am wichtigsten ist. Dieses Wissen befindet sich häufig dort, wo unmittelbar mit Kunden, Produkten, Prozessen oder technischen Herausforderungen gearbeitet wird.
Nichtwissen ist nicht dasselbe wie Orientierungslosigkeit
Die Aussage, Führungskräfte müssten nicht alle Antworten kennen, lässt sich leicht missverstehen. Sie bedeutet nicht, Entscheidungen grundsätzlich an andere weiterzugeben oder sich aus der Verantwortung zurückzuziehen.
Führung bleibt verantwortlich dafür, Orientierung zu ermöglichen. Dazu gehören beispielsweise nachvollziehbare Ziele, Prioritäten, Entscheidungsräume und Klarheit darüber, wer welche Verantwortung übernimmt. Eine Führungskraft kann deshalb durchaus sagen: „Ich weiß noch nicht, welche Lösung die richtige ist.“ Gleichzeitig kann sie sehr klar darin sein, welches Problem gelöst werden muss, welche Rahmenbedingungen gelten und nach welchen Kriterien eine Entscheidung getroffen werden soll.
Gerade diese Unterscheidung kann in unsicheren Situationen entscheidend sein. Sicherheit entsteht dann nicht durch vorgetäuschte Gewissheit, sondern durch Klarheit im gemeinsamen Vorgehen.
Die richtigen Fragen können wertvoller sein als schnelle Antworten
Wenn Wissen verteilt ist, verändert sich auch die Rolle von Fragen. Führung muss Informationen nicht nur sammeln, sondern unterschiedliche Perspektiven miteinander verbinden.
Was wissen wir bereits? Welche Annahmen treffen wir gerade? Was wissen wir noch nicht? Wer verfügt über Erfahrungen, die uns fehlen? Welche Auswirkungen könnte unsere Entscheidung auf andere Bereiche haben?
Solche Fragen wirken zunächst weniger entschlossen als eine sofortige Antwort. Tatsächlich können sie die Qualität von Entscheidungen erheblich verbessern.
Sie machen sichtbar, dass komplexe Probleme selten aus nur einer Perspektive vollständig verstanden werden können. Gleichzeitig schaffen sie Raum dafür, dass Menschen ihr Wissen und ihre Erfahrungen einbringen.
Verantwortung dorthin bringen, wo Wissen vorhanden ist
Eine Organisation verliert Geschwindigkeit, wenn Informationen zunächst mehrere Hierarchieebenen durchlaufen müssen, damit an anderer Stelle eine Entscheidung getroffen werden kann.
Das bedeutet nicht, jede Entscheidung vollständig zu dezentralisieren. Strategische Entscheidungen, wirtschaftliche Verantwortung oder Entscheidungen mit weitreichenden Konsequenzen benötigen weiterhin entsprechende Zuständigkeiten.
Bei vielen operativen Fragestellungen kann es jedoch sinnvoll sein, Entscheidungsräume näher an diejenigen zu bringen, die über das relevante Wissen verfügen.
Damit das funktioniert, reicht die Aufforderung zu mehr Eigenverantwortung allerdings nicht aus. Teams müssen wissen, was sie entscheiden dürfen, welche Grenzen bestehen und wann eine Abstimmung erforderlich ist.
Loslassen allein ist noch keine gute Führung
Der Gegenentwurf zu stark kontrollierender Führung wird manchmal mit möglichst großer Freiheit gleichgesetzt. Doch fehlende Orientierung kann genauso problematisch sein wie zu enge Kontrolle.
Wenn Verantwortlichkeiten unklar bleiben, Entscheidungen niemandem eindeutig zugeordnet sind oder Ziele unterschiedlich interpretiert werden, entsteht nicht automatisch Selbstorganisation. Häufig entsteht zunächst Unsicherheit.
Wirksame Führung schafft deshalb einen Rahmen, innerhalb dessen Menschen eigenständig handeln können. Je klarer dieser Rahmen ist, desto weniger muss Führung in einzelne Entscheidungen eingreifen.
Freiheit und Orientierung sind dabei keine Gegensätze. Sie können sich gegenseitig ermöglichen.
Fehler verändern ihre Bedeutung
Wer nicht alle Antworten kennen kann, kann auch nicht jede Fehlentscheidung im Voraus verhindern. Damit bekommt der Umgang mit Fehlern eine besondere Bedeutung.
In komplexen Situationen können Entscheidungen auf Grundlage der verfügbaren Informationen sinnvoll sein und sich später trotzdem als falsch herausstellen. Entscheidend ist dann, wie eine Organisation damit umgeht.
Werden Fehler vor allem einzelnen Personen zugeschrieben, entsteht ein nachvollziehbarer Anreiz, Risiken zu vermeiden und Entscheidungen nach oben abzusichern. Wird dagegen untersucht, welche Annahmen falsch waren und was daraus gelernt werden kann, entsteht neues Wissen.
Führung beeinflusst maßgeblich, welche dieser beiden Reaktionen wahrscheinlicher wird.

Auch Führung darf ihre Annahmen verändern
Eine besondere Herausforderung entsteht, wenn Führungskräfte öffentlich Position bezogen oder eine Entscheidung getroffen haben. Neue Informationen können später zeigen, dass eine andere Richtung sinnvoller wäre.
Dann kann der Eindruck entstehen, eine Kurskorrektur sei ein Zeichen von Unsicherheit oder mangelnder Führungskompetenz.
Für lernfähige Organisationen ist jedoch das Gegenteil wichtig. Entscheidungen sollten konsequent verfolgt werden, solange die zugrunde liegenden Annahmen tragen. Verändert sich die Informationslage, muss es möglich sein, diese Entscheidungen erneut zu betrachten.
Eine Führungskraft, die nachvollziehbar erklärt, warum sie aufgrund neuer Erkenntnisse ihre Einschätzung verändert, demonstriert deshalb nicht zwangsläufig Unsicherheit. Sie macht sichtbar, dass Lernen auch für Führung gilt.
Führung wird dadurch nicht einfacher
Auf alle Fragen eine Antwort vorzugeben, kann zumindest den Eindruck von Klarheit erzeugen. Führung unter Unsicherheit verlangt dagegen, Widersprüche auszuhalten und trotzdem handlungsfähig zu bleiben.
Manchmal braucht ein Team eine klare Entscheidung. Manchmal braucht es einen größeren Entscheidungsraum. Manchmal muss Führung Orientierung geben und manchmal vor allem dafür sorgen, dass unterschiedliche Perspektiven miteinander ins Gespräch kommen.
Welche Form angemessen ist, hängt von der jeweiligen Situation ab.
Moderne Führung besteht deshalb weniger aus einem festen Führungsstil als aus der Fähigkeit, bewusst zu unterscheiden, was Menschen und Organisation in einer konkreten Situation benötigen.
Orientierung geben, ohne Gewissheit vorzutäuschen
Gute Führung zeigt sich nicht daran, auf jede Frage sofort eine Antwort geben zu können. Gerade in komplexen Situationen wäre dieser Anspruch kaum erfüllbar.
Führungskräfte können jedoch dafür sorgen, dass relevantes Wissen zusammenkommt, unterschiedliche Perspektiven berücksichtigt werden und Entscheidungen dort getroffen werden können, wo die notwendige Kompetenz vorhanden ist.
Dazu braucht es klare Ziele, nachvollziehbare Rahmenbedingungen und die Bereitschaft, auch eigene Annahmen zu hinterfragen. Verantwortung verschwindet dadurch nicht. Sie verändert ihre Form.
Führung bedeutet dann nicht mehr zwangsläufig, anderen den richtigen Weg zu zeigen. Sie schafft Orientierung, damit Menschen gemeinsam herausfinden können, welcher Weg unter den gegebenen Bedingungen sinnvoll ist.
Vielleicht zeigt sich gute Führung deshalb nicht darin, immer die richtige Antwort zu kennen. Sondern darin, die richtigen Fragen zu stellen und eine Organisation auch dann handlungsfähig zu halten, wenn die Antwort noch nicht feststeht.
- Edmondson, Amy C. (2019): The Fearless Organization. Wiley.
- Heifetz, Ronald A.; Grashow, Alexander; Linsky, Marty (2009): The Practice of Adaptive Leadership. Harvard Business Press.
- Weick, Karl E.; Sutcliffe, Kathleen M. (2015): Managing the Unexpected. Wiley.
- Yukl, Gary; Gardner, William L. (2020): Leadership in Organizations. Pearson.